Loveparade-Desaster und Gesellschaftskrieg

Nachgelieferter Kommentar, der erneut bei einem Artikel des Spiegelfechters ansetzt und versucht, auch hier auf die Defizite unserer Gesellschaft und der daraus zwangsläufig resultierenden „Diskussionskultur“ hinzuweisen. .

[ Zuerst veröffentlicht am 28.07.10 bei AmSeL-Gedanke Plus ]

In meinem letzten Beitrag hatte ich dieses Thema kurz angeschnitten – damals noch, da ich der Meinung war, dass man nicht einfach über ein x-beliebiges, einem persönlich wichtig erscheinendes Thema schreiben und eine solch schreckliche Katastrophe übergehen kann. Natürlich respektiere ich es, wenn sich andere Menschen lieber aus derartigen Diskussionen heraushalten, zumal dann, wenn sie sich dem auch diesem Unglück zugrunde liegenden Irrsinn auf breiterer Front entgegenzustellen versuchen …

Ich hingegen habe meine Meinung in den letzten Tagen geändert und mir das Thema ganz bewusst als Grundlage für die dritte Ausgabe meiner „Meckerecke“ ausgewählt. Dass dabei erneut ein Artikel des Spiegelfechters (siehe unten) eine ausschlaggebende Rolle spielte, hat mit derselben Erläuterung zu tun, die ich in meinem ersten „Serienbeitrag“ ausführlich dargelegt hatte. Ich schätze die Artikel von Jens Berger sehr, gehe deshalb aber auch kritischer mit ihnen um, wenn sich Ansätze von divergierende Meinungen ergeben, als ich das bei weniger guten und fundierten Berichten anderer Seiten zu tun pflege. – Damit sind wir dann wieder bei dem Thema Meinungsfreiheit und Meinungsunterschiede, welches auch den alleinigen Hintergrund für diesen Beitrag meinerseits bildet.

Vorab sollte zunächst einmal festgehalten werden, dass mittlerweile 2 weitere Tote zu beklagen sind, was die Gesamtopferzahl auf 21 erhöht und auch die Zahl der Verletzten musste auf „über 500“ nach oben korrigiert werden. Ich denke, diese Zahlen allein belegen schon bedrückend, dass man es hierbei mit einem schrecklichen Unglück zu tun hat, bei dem zunächst einmal das Schicksal der Betroffenen, ihrer trauernden Hinterbliebenen und Freunde Vorrang haben muss. Von dem Augenblick an, wo man sich an eine Aufarbeitung und die Analyse der Schuldfrage heranwagt, muss im weiteren Sinne aber durchaus und gerade auch die ebenso mit betroffene wie mit verantwortliche Gesellschaft thematisiert werden.

Wie man schon am vergangenen Montag bspw. diesem Bericht von gulli.com entnehmen konnte, dürfte den derzeit heftig hin und her wogenden Schuldzuweisungen keine zufriedenstellende Aufklärung der Umstände folgen – wie auch Jens Berger in seinem nachfolgend verlinkten Artikel nicht nur ebenso korrekt, sondern auch noch präziser (auf regionale „Filzstrukturen“ eingehend) ausführt. – Unter diesem Aspekt besehen, dass es zumindest wenig wahrscheinlich anmuten muss, dass wir in absehbarer Zeit unwiderlegbare Beweise erhalten könnten, die eine exakte Bestimmung in Sachen „Schuld und Verantwortung“ ermöglichen, sollte man sich bei der Beschäftigung mit dem Thema einer deutlich weiter gefassten Sichtweise befleißigen.

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So viel zur einleitenden Vorrede und damit zu dem wirklich tollen und die meisten Fakten gewohnt kompetent und korrekt auf den Punkt bringenden Artikel von Jens Berger, den er am 26. Juli unter dem Titel Tod an der Rampe auf seinem Spiegelfechter-Blog veröffentlicht hat. Als ich ihn las, empfand ich lange Zeit aufrichtige Bewunderung für die nüchterne und sachlich-kritische Art und Weise, wie er das Geschehen analysierte und die einzelnen Verantwortlichen angemessen ins Visier nahm, ohne dabei die Empathie für die Opfer und deren Angehörige vermissen zu lassen.

Dann stieß ich jedoch leider auf den letzten Abschnitt, in dem sich – in weitaus weniger nüchterner und sachlich-kritischer Art und Weise – der Autor mit einem alten und immer wieder hochgekochten Reizthema befasste, das aufgrund dieses Artikels, der bereits am 25. Juli bei Kopp Online veröffentlicht worden war, auf altbekannte Weise durchs Internet getrieben wurde und immer noch wird. Es ist zwar tröstlich, dass die „geäußerten Meinungen“ nicht die Einseitigkeit aufweisen, mit welcher das grundsätzliche Thema seinerzeit von den Mainstream-Medien behandelt wurde, aber immer noch sind es vor allem reflexartige Kritik äußernde Beiträge und Kommentare, die das Bild des Internetdiskurses beherrschen.

Auf das Thema Eva Hermann und die beiden Artikel (am 26. Juli erschien dieser Artikel ebenfalls bei Kopp online), mit denen sie das Geschehen in Duisburg aus ihrer Sicht kommentierte, werde ich im Anschluss auf die Begründung für meine bescheidene Kritik gegenüber der Argumentation des Spiegelfechters kurz noch gesondert eingehen.

Selbstverständlich gestehe ich Jens Berger ebenso wie jedem anderen Menschen, ob er nun im Internet schreibt oder nicht, uneingeschränkt seine eigene Meinung zu und würde mir niemals anmaßen, ihn alleine dieser Meinung wegen zu kritisieren. Aber genauso, wie man sich an der Wortwahl von Eva Hermann stören kann, muss man auch auf etwaige Fehlgriffe anderer Autoren reagieren und eingehen dürfen. Was ich kritisch anmerken muss und den Leser/innen zur eigenständigen Prüfung anempfehlen möchte, ist deshalb die Einleitung des Teilzitats von Frau Hermanns erstem Artikel, in welcher ich (aus subjektiver Sicht) gleich drei Begriffe entdeckte, die mir nicht wirklich wie substantiierte Kritik vorkamen. Es sei mir deshalb gestattet, die fragliche Einleitung zu zitieren (die betreffenden Passagen wurden von mir mittels Fettdruck hervorgehoben):

Wie schön es ist, ein einfaches Weltbild zu haben, beweist wieder einmal die unsägliche Ex-Journalistin Eva Herman. Über eine Verschwörungstheoretikerseite verbreitet die erzreaktionäre Blondine, dass die Katastrophe von Duisburg womöglich eine Strafe Gottes für das unsittliche Benehmen der Raver sei […]

Über die kritisierte Behauptung kann man sicherlich streiten … siehe dazu meine abschließende Argumentation … aber ob deshalb eine in dieser Form geäußerte Kritik als angemessen bezeichnet werden kann, steht meiner Ansicht nach auf einem ganz anderen Blatt. So wie sich dieser letzte Abschnitt mit Blick auf den Gesamtartikel liest, kommt einem fast der Verdacht, dass es sich im Kritik handelt, die ihren Ausgangspunkt in etwas wie „persönlicher und unüberwindlicher Antipathie“ findet – und dann hätte das in diesen ansonsten so tollen Artikel einfach nicht hineingehört!

Es kann natürlich sein, dass nur ich persönlich von den hervorgehobenen Aussagen zu einer „allergischen Überreaktion“ verleitet wurde, aber wie eine sachliche Kritik, die dann von einem auf die vermeintlich (ebenfalls subjektiv) alles sagenden Passagen gekürztes Zitat des angegriffenen Artikels abgerundet wurde, klingt das für meine Begriffe wirklich nicht. – Wahrscheinlicher ist aber, dass sich meine Reaktion aus dem Umstand ableitet, dass ich Jens Bergers Artikel erst gelesen habe, nachdem ich nicht nur den von ihm kritisierten, sondern auch den danach erschienen Artikel von Eva Hermann bereits verarbeitet hatte – und, trotz eigener kritischer Reaktionen auf einzelne Passagen im ersten Beitrag, zu einer doch entschieden anderen Einschätzung gelangt war!?

Nun, wie dem auch immer sei … Natürlich weiß ich nicht, weshalb Jens Berger die ehemalige Tagesschau-Sprecherin für eine „unsägliche“ Ex-Journalistin hält … den einzigen Grund, der mir auf Anhieb dazu einfallen würde, möchte ich in Gestalt von zwei Artikeln in Erinnerung rufen, die auf derselben „Verschwörungstheoretikerseite“ * veröffentlicht wurden … und auch hier möchte ich jedem und jeder Leser/in dringend empfehlen, sich objektiv selbst ein Bild von der betreffenden „Geschichte“ zu machen. 1. Artikel – Gerhard Wisnewski – Neues Buch von Eva Hermann: Wie ich Staatsfeind Nr. 1 wurde vom 29.03.10 … 2. Artikel – Arne Hoffmann – Wie verantwortungsloser Journalismus die freie Gesellschaft gefährdet vom 07.04.10. Dem, was von diesen beiden Autoren vorgebracht wird, ist von meiner Seite zunächst einmal nichts mehr hinzuzufügen.

[* dazu werde ich mich explizit nicht äußern, da meine Mitwirkung an den anderen Blogs belegt, dass ich bei dieser „Diskussion“ unzweideutig die Meinung der dortigen Hauptautor/innen teile!]

Auch der Begriff „erzreaktionäre Blondine“ ist von einer Art und Qualität, die lediglich der Autor selbst unmissverständlich aufzuklären vermag. Wenn er aber mit „erzreaktionär“ meint, dass Eva Hermann für „von unserer gleichgeschalteten und massenmanipulierten Gesellschaft als antiquiert oder überholt empfundene Werte“ eintritt, dann würde ich das doch für etwas bedenklich halten. Im Umkehrschluss müsste er dann nämlich die Entwicklungen, die ausnahmslos der Entmenschlichung und fortgesetzten Spaltung der Gesellschaft dienten (hierzu ist der militante Feminismus einer Alice Schwarzer ebenso zu zählen wie dessen Fortentwicklung namens „Genderismus“ und sämtliche „Zwischenstufen“), ebenso uneingeschränkt gutheißt, wie er Frau Hermann als „Mensch und personifizierte Meinung“ abzulehnen scheint? Das kann und möchte ich mir im Fall von Jens Berger, dessen Meinung ich größtenteils außerordentlich schätze, zwar nicht vorstellen, aber eine derart undifferenzierte, noch dazu mit dem „Schmähbegriff Blondine“ verbundene Kritik wirft meiner Ansicht nach gravierende Fragen auf. Fragen, die mit absoluter Gewissheit auch in Bezug auf weite Teile unserer Gesellschaft gestellt und beantwortet werden müssen …

So weit meine Meinungsäußerung, die ich zwar kritisch verstanden wissen, deshalb aber nicht zur Weisheit letztem Schluss erklären möchte. Es geht mir nicht darum, einen geschätzten „Kollegen“ für dessen Meinungsäußerung zu kritisieren, sondern darum, sich daraus ergebende Fragen aufzuzeigen, die sich viele Informationskonsument/innen selbst nicht stellen und in einer Angelegenheit wie jener, um die es mir persönlich vor allem geht, doch unbedingt einer gesamtgesellschaftlichen Beantwortung zugeführt werden sollten!?

Am Ende dieses Abschnitts möchte ich noch ein Beispiel anfügen, wie man sich durchaus kritisch (wenn auch nicht so eloquent, das tut aber nichts zur Sache) mit den Äußerungen wie jenen, die auch Jens Berges Kritik provozierte, auseinandersetzen kann, ohne sich zumindest fragwürdiger Begriffe zu bedienen …  Haben junge Menschen keine Werte mehr? von Infokrieger Mitteldeutschland 27.07.10, der sich allerdings auf den zweiten Artikel von Eva Hermann bezieht.

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Die Verbindung des tödlichen Vorfalls bei der Duisburger Loveparade mit dem Begriff „Gesellschaftskrieg“ habe ich im Rahmen des Versuchs, meine vorsichtig angemeldete Kritik zu begründen, bereits erklärt. Ich finde, das Beispiel Eva Hermann und die kontroversen, nicht selten in regelrechte Hexenjagden ausartenden Diskussionen, die ihre Meinungsäußerungen von jetzt auf gleich anzustacheln vermögen, zeigt recht gut auf, wo die Defizite unserer Gesellschaft zu suchen und zu finden sind.  Es offenbart auch, warum es den „Pseudo-Moralwächtern“ und Meinungsmachern immer wieder so erschreckend leicht gemacht wird, die Masse gegen „erklärte Feindbilder“ zu mobilisieren!

In diesem Zusammenhang ist allerdings auch nachhaltig an Eva Hermann zu appellieren, ihre veröffentlichte Meinungsäußerung, die jeder so sehen und werten darf, wie er mag, in Puncto Wortwahl sorgfältiger zu gestalten. Insbesondere sollte sie „alttestamentarische“ Vergleiche ebenso meiden, wie leicht als Verallgemeinerungen misszuverstehende Argumentationen. Selbst wenn es so ist – nachweislich, wie genug einschlägige Studien und deren Ergebnisse, aber auch „Erlebnisberichte“ von stolzen Event-Veteranen belegen  – dass viele Teilnehmer von Veranstaltungen wie der „Loveparade“ zu übermäßigem Drogen- und Alkoholgenuss neigen (oder von „geschäftstüchtigen“ Leuten dazu verführt werden), ist es grundverkehrt, dies in einer Weise zu äußern, die im Endeffekt alle Teilnehmer/innen unter Generalverdacht stellt. Das ist in diesem speziellen Zusammenhang ebenso unangebracht, wie bei allen Gelegenheiten, die ähnliche Argumentationen von höchst offizieller Stelle herausfordern (oder begünstigen).

Dass unsere Gesellschaft sich in mehr als einer Hinsicht in einer scheinbar unaufhaltsamen dekadenten Selbstauflösung befindet … und dass Events wie die „Loveparade“ zweifelsohne wenigstens als ein anschauliches Beispiel dessen angesehen werden müssen, was diese Dekadenz bedingt (einschließlich der Frage, wo ihr Ursprung liegt und wem sie in allererster Linie nutzt!), lässt sich ebenso wenig leugnen … nur sollte man auch dann, wenn man an sich positive und einem bedrohlichen Trend entgegenwirkende Ziele verfolgt, immer daran denken, dass man Probleme niemals auf dem Weg über starrsinnige Abgrenzung und Verneinung lösen kann. Auch und gerade dann, wenn man meint, bei seinem Bemühen von „christlichen Grundwerten“ ausgehen zu müssen.

Das ist allerdings auch schon alles, was ich an Kritik gegenüber dem ersten Artikel (25.07.10) anzumelden habe. Alles Weitere fällt dann schon wieder unter die Rubrik individuelle Ansichten und Meinungsfreiheit. – Sowohl an Frau Hermann als auch an ihre Kritiker/Befürworter gerichtet, möchte ich meinen heutigen Beitrag mit dem Hinweis beschließen, dass bestimmte Kräfte und Kreise (auch und ganz besonders) in unserer Gesellschaft bei gewissen Meinungen, die dem Mainstream in Sachen gesellschaftlicher Entwicklung zuwiderlaufen, immer so lange nach „Angriffsflächen“ suchen, bis ein Wort oder Satz fällt, das/der sich mit einem zuvor erschaffenen Stereotyp verbinden und als „Waffe“ verwenden lässt. Genauso, wie Autor/innen darauf bedacht sein sollten, keine derartigen

Angriffspunkte zuzulassen (was ohne Frage leichter gesagt als getan ist), sollten sich auch Kritiker vor Augen halten, dass sie sehr häufig künstlich geschaffene und transportierte (z.B. durch einen gewissen Herrn Kerner oder noch unerträglicher von einer Alice Schwarzer) zutiefst ideologisierte Ressentiments befriedigen, die bei genauerer Betrachtung unzweifelhaft als gesellschafts- und bei weiter gefasster Perspektive ebenso eindeutig demokratiefeindlich entlarvt werden können.

Dazu, dass sich viele „Linke“ auf den Schlips getreten zu fühlen scheinen, da Eva Hermann die „68er“ als wesentliches Element der besagten Dekadenz zu bezeichnen wagt, möchte ich an dieser Stelle nur anmerken, dass sich dieser von „Aufklärung, Selbstverwirklichung und Vergangenheitsbewältigung“ erzählende Mythos mittlerweile doch wahrlich auf allen Ebenen weitestgehend in Luft aufgelöst hat … ich persönlich sehe das jedenfalls so und sehe mich durch die gesellschaftliche und politische Realität in „diesem unserem Lande“ auch uneingeschränkt in dieser Meinung bestätigt.

Aber, wie dieser letzte Satz noch einmal ganz unzweideutig unterstreicht … das ist selbstverständlich auch nur meine subjektive und als solche eher belanglose Meinung …? 😉 ?…

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